Auf den Punkt

  • KI in der Versicherungswirtschaft unterliegt zwei Regelwerken: DORA, weil KI ein IKT-System ist, und der KI-Verordnung, weil sie KI ist. Beide haben eigene Aufsichtswege.
  • Seit 29. Juli 2026 regelt das KI-Marktüberwachungsgesetz (KI-MIG) die Zuständigkeit: Bundesnetzagentur zentral, BaFin für KI in beaufsichtigten Finanzdienstleistungen, Bundesnetzagentur für Vermittler mit Gewerbeerlaubnis und für KI im Personalbereich.
  • Die BaFin-Orientierungshilfe vom 18. Dezember 2025 ist unverbindlich, zeigt aber, woran die Aufsicht KI unter DORA misst: Governance mit Verantwortung der Geschäftsleitung, Kontrolle über den ganzen Lebenszyklus, Drittparteien, Vorfälle.
  • Für bAV-Träger zählen vor allem Informationsregister, Exit-Strategie und Vorfallmeldung bei KI-Diensten von Dritten.
  • Behördliche Auskünfte etwa des KoKIVO orientieren, binden aber nicht. Maßgeblich ist die eigene, dokumentierte Einordnung.

Zwei Regelwerke, zwei Aufsichtswege

Wer in einem Versicherungsunternehmen, einer Pensionskasse oder einem Pensionsfonds KI einsetzt, bewegt sich in zwei Rechtsrahmen zugleich. DORA, die Verordnung (EU) 2022/2554 über die digitale operationale Resilienz, gilt seit dem 17. Januar 2025 und erfasst KI als Teil der IKT. Die KI-Verordnung (EU) 2024/1689 regelt KI als Produkt und ihren Einsatz, gestaffelt bis 2028. Beide verfolgen unterschiedliche Ziele und werden unterschiedlich beaufsichtigt:

RegelwerkBlickwinkelAufsichtBetroffen in der bAV
DORAResilienz und IKT-Risiko, unabhängig davon, ob KI im Spiel istBaFinVersicherer, Pensionskassen, Pensionsfonds; mittelbar ihre IKT-Dienstleister
KI-VerordnungRisiken des KI-Systems selbst: Transparenz, Hochrisiko, VerboteBundesnetzagentur oder BaFin nach KI-MIGalle Anbieter und Betreiber von KI, auch Arbeitgeber und Vermittler

Für ein und dasselbe KI-System können also beide Regelwerke gelten. Ein Chatbot im Kundenportal eines Versicherers ist ein IKT-Dienst im Sinne von DORA und zugleich ein KI-System, das Artikel 50 der KI-Verordnung erfüllen muss. Welche Fristen der KI-Verordnung wann greifen, zeigt unser Leitfaden zum EU AI Act in der bAV.

Wer ist zuständig? Das KI-MIG

Das KI-Marktüberwachungsgesetz bestimmt, welche deutsche Behörde die KI-Verordnung überwacht. Es wurde am 11. Februar 2026 vom Kabinett beschlossen, am 11. Juni vom Bundestag verabschiedet, am 10. Juli vom Bundesrat gebilligt und ist seit dem 29. Juli 2026 in Kraft.

KonstellationZuständig
KI-Systeme allgemeinBundesnetzagentur als zentrale Marktüberwachungsbehörde
KI in beaufsichtigten Finanzdienstleistungen, etwa bei Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds (§ 2 Abs. 3 KI-MIG)BaFin
KI im Personalbereich eines FinanzunternehmensBundesnetzagentur
Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler, Honorarberater mit Erlaubnis nach GewerbeordnungBundesnetzagentur
Arbeitgeber mit KI in HR- oder bAV-ProzessenBundesnetzagentur

Ein Versicherungshaus hat damit regelmäßig zwei Ansprechpartner: die BaFin für KI im Versicherungsgeschäft, die Bundesnetzagentur für KI in Personal- und internen Querschnittsfunktionen. Die BaFin hat dazu am 29. Juli 2026 eine eigene Seite zur KI-Marktüberwachung veröffentlicht. Bei der Bundesnetzagentur ist das Koordinierungs- und Kompetenzzentrum für die KI-Verordnung (KoKIVO) angesiedelt, dazu ein Service-Desk für kleinere Unternehmen und ein KI-Reallabor zur Erprobung neuer Anwendungen unter Aufsicht.

Die BaFin-Orientierungshilfe zu KI

Am 18. Dezember 2025 hat die BaFin eine Orientierungshilfe zu IKT-Risiken beim Einsatz von KI in Finanzunternehmen veröffentlicht. Sie schafft keine neuen Pflichten. Sie zeigt aber, wie die Aufsicht die bestehenden DORA-Pflichten auf KI anwendet, und ist deshalb ein guter Prüfmaßstab für die eigene Organisation. Drei Ebenen tragen das Dokument:

Governance

Kein KI-Einsatz ohne Governance. Die Geschäftsleitung trägt die Gesamtverantwortung, legt die KI-Strategie fest und muss selbst über ausreichende Kenntnisse verfügen. Die Orientierungshilfe ordnet KI in den bestehenden DORA-Rahmen für das IKT-Risikomanagement ein, statt eine eigene KI-Organisation zu verlangen. Für die Umsetzung bietet sich das bewährte Modell der drei Verteidigungslinien an: Fachbereiche und IT verantworten Entwicklung und Betrieb, Risikomanagement, Compliance und Informationssicherheit setzen den Rahmen und prüfen, die interne Revision prüft unabhängig.

Lebenszyklus

Querschnittsthemen

Wie diese Ebenen in der Praxis aussehen, ordnen Mario Pustan und Dietmar Niehaus im Fachinterview zur BaFin-Orientierungshilfe ein.

DORA-Pflichten, die KI konkret treffen

DORAPflichtBedeutung für KI
Art. 5Verantwortung des Leitungsorgans für das IKT-RisikomanagementKI-Strategie und KI-Risiken sind Vorstandsthema
Art. 6IKT-RisikomanagementrahmenKI-Systeme werden darin erfasst, nicht daneben
Art. 17–19Behandlung, Klassifizierung und Meldung von IKT-VorfällenAusfälle, Fehlverhalten oder Datenabflüsse bei KI-Systemen laufen über denselben Prozess
Art. 28Drittparteienrisiko, Informationsregister, Exit-StrategienKI-Dienste von Dritten gehören ins Register; für kritische Funktionen braucht es einen getesteten Ausstieg
Art. 30Mindestinhalte von Verträgen mit IKT-DienstleisternVerträge mit KI- und SaaS-Anbietern müssen u. a. Datenstandort, Prüfrechte, Unterstützung bei Vorfällen und Ausstieg regeln

Hinzu kommt die Überwachung großer IKT-Anbieter auf europäischer Ebene: Die europäischen Aufsichtsbehörden haben am 18. November 2025 erstmals 19 kritische IKT-Drittdienstleister benannt, darunter große Cloud-Anbieter, über die viele KI-Dienste bezogen werden. Das ersetzt nicht die eigene Risikobewertung des Finanzunternehmens.

Was das für bAV-Träger, Dienstleister und Vermittler heißt

Behördliche Auskünfte und ihre Grenzen

Das KoKIVO bietet Kontaktformular, FAQ, Prüfleitfaden und Factsheets. Das hilft bei der Orientierung, ersetzt aber keine verbindliche Auskunft: Wer dort anfragt, erhält eine Einschätzung, keine Absicherung. Für Prüfungen zählt die eigene Auslegung. Bewährt hat sich ein kurzer Vermerk je KI-System: Ist es ein KI-System im Sinne der Verordnung? Welche Rolle hat das Unternehmen? Welche Risikoklasse, welche Behörde? Dazu Datum und Name der verantwortlichen Person.

Checkliste für Vorstände

Häufige Fragen

Ist die BaFin-Orientierungshilfe zu KI verbindlich?

Nein. Sie begründet keine eigenen Pflichten, zeigt aber, wie die BaFin die verbindlichen Anforderungen aus DORA auf KI anwendet. Wer davon abweicht, sollte begründen können, warum.

Ist für eine Pensionskasse die BaFin oder die Bundesnetzagentur zuständig?

Für DORA immer die BaFin. Für die KI-Verordnung ist die BaFin zuständig, soweit die KI mit den beaufsichtigten Tätigkeiten zusammenhängt; für KI etwa im Personalbereich ist es die Bundesnetzagentur.

Gilt DORA auch für IT-Dienstleister von Versicherern?

Nicht unmittelbar, außer sie werden als kritische IKT-Drittdienstleister benannt. Über die Verträge mit ihren Kunden müssen sie aber viele DORA-Anforderungen erfüllen und nachweisen.

Müssen KI-Vorfälle gesondert gemeldet werden?

Nach DORA gibt es keinen eigenen Meldeweg für KI. Schwerwiegende IKT-bezogene Vorfälle, auch solche mit KI-Systemen, laufen über den regulären Meldeprozess. Für Hochrisiko-KI kommen ab Dezember 2027 eigene Meldepflichten nach der KI-Verordnung hinzu.

Kann man sich auf Auskünfte der Bundesnetzagentur verlassen?

Sie geben Orientierung, sind aber nicht bindend. Entscheidend ist die eigene, dokumentierte Einordnung.

Quellen und Weiterlesen

Dieser Beitrag ordnet die Rechtslage für die Praxis ein und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.


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